Schanghai - Samoa - Neuseeland


17. Juli bis 13. August 2005

Die Schrecksekunde kam am Abend vor dem Heimflug. Auf schwindelnder Hoehe ueber der Stadt Auckland gleich neben der Abseilvorrichtung waren ploetzlich unsere Paesse und die Airtickets verschwunden, buchstaeblich abgefahren.
"Nur keine Panik", meinte unser lieber Konsulkollege und Freund Peter Deutschle, "die finden wir schon wieder." Und wirklich, im Fundbuero des 380 m hohen Sky City Tower war das Taeschchen bereits zwanzig Minuten frueher abgegeben worden. Genau genommen waren wir es gewesen, die davongefahren waren. Ich hatte es mit einer nervoesen Beinbewegung ungewollt auf den schmalen Fenstersims geschoben, und da sich die Restaurant-Plattform staendig dreht, passierte es eben, im Aussichtsturm offensichtlich an der Tagesordnung. Statt der Botschaft in Wellington zu telefonieren und am Wochenende neue Paesse zu beantragen, konnten wir den Abend mit einem herrlichen neuseelaendischen Dessertwein mit Genuss abschliessen.

Sieht man vom Teilstreik von Air New Zealand ab, ging auch unsere zweite Reise ohne groessere Zwischenfaelle ueber die chinesische, samoische und neuseelaendische Buehne, drei Laender, die kaum verschiedener sein koennten.
In China fragt man den Touristen "Where do you come from ?", in Neuseeland "What are you up to today ?" und in Samoa: "What is your religion ?" Man hat das Gefuehl, es gebe dort mehr Kirchen als Haeuser, saemtliche Religionsgemeinschaften werben um Kunden und die Mormonen und Ratzinger-Fans bauen weitere Tempel und Kathedralen. Sehr beeindruckend ist der Baha'i Tempel, von denen es auf der ganzen Welt nur deren acht gibt. Nichts waere aber verfehlter, als ueber die tiefe Religiositaet der Samoaner Witze zu machen. Auch die Jungen sind glaeubig, froehlich und dienstfertig. Die Stimmen des Chors der Congregational Church werden wir nie vergessen. Es gibt wohl kaum ein Volk, das so viel und so schoen singt. Erinnerungen an die Osterinsel wurden wach. Bei den Polynesiern ist der Sonntag immer noch ein Ruhetag, ein Festtag, der die Familien zusammenhaelt.

Headlines

"NO MILK TODAY" war die Schlagzeile des Wanganui Chronicle (NZ), ein altes Ehepaar erhielt vom Grossverteiler keine Lieferungen mehr und schaute auf der Foto sehr traurig in die Welt. Auch die Titelseite des Samoa Observer "HOLIDAY CHANGES - NO DAY OFF THIS MONDAY" duerfte wenige gefreut haben, am naechsten Tag war zu lesen "PM TUILAEPA IS POWER DRUNK, SAYS LE MAMEA" und "MORE WOMEN MPs WANTED". Dass auch in Neuseeland eigenartige Dinge passieren, meldete der Fiordland Focus unter Polizeinachrichten: "Parked car in Bligh Street damaged after roof been run over" und "Tourist hit dog in Town Centre"
(Te Anau auf dem Weg zum Milford Sound).

Nicht eine Schlagzeile, aber ein grosses Strassenschild traegt die Inschrift "Clinton - Gore 44 km". Ob Bill "seine" Ortschaft anlaesslich des Aufenthalts in Queenstown (von ihm als eine der schoensten Staedte der Welt bezeichnet) auch besucht hat, ist nicht bekannt. Die Bewohner von Gore werden wohl bei der knappen Wahl von Bush in 2000 ueber die Waehler und den zweifelhaften Ausgang in Florida geflucht haben, denn mit gleich zwei amerikanischen Praesidenten haette diese Gegend beste Tourismuswerbung betreiben koennen.

"Dr. Jekyll and Mr Hyde" haetten wir niemals auf Samoa gesucht. Doch eine der interessantesten Sehenswuerdigkeiten ist das prachtvolle Anwesen, das der Verfasser des weltbekannten Krimis, der "Schatzinsel" und vielen andern Werken bis zu seinem fruehen Tod bewohnte: Robert Louis Stevenson. Das Gebaeude war zeitweise Sitz des Staatspraesidenten und ist heute ein sehenswertes Museum mit ausgezeichneten Fuehrungen. Der beruehmte Schotte wurde von Einheimischen verehrt und fand seine letzte Ruhestaette auf dem nahen Mount Vaea.


Sport

Dass die "All Blacks" die besten Rugbyspieler der Welt sind, ist bekannt.
Neuseeland hat aber auch die "Black Caps" (Cricket) und die "Tall Blacks"
(Basketball). Die nicht sehr erfolgreichen Fussballer treten allerdings ganz in Weiss an und heissen demnach "All Whites".

Rugby ist auch in Samoa Trumpf, praktisch auf jeder Wiese wird am fruehen Abend von Jungen und Aelteren eifrig trainiert, einen runden {Fuss}Ball haben wir kaum gesehen. Renate kaufte mir hingegen als Souvenir einen Kirikiti-Ball, eine Art Cricket mit individuell festzusetzenden Regeln, das vor allem von korpulenten froehlichen Damen am Samstagnachmittag gespielt wird. Medaillen erringen die behaebigen Samoaner regelmaessig im Gewichtheben, Ringen, Boxen und Diskuswerfen. Sie sind in Australien und Neuseeland als Rausschmeisser in Nachtlokalen gesucht. Als der Finanzminister Misa Telefoni, der letztes Jahr in der Blue Mountains Hotelfachschule anlaesslich der Diplomverteilung eine zuendende Rede hielt, wegen kurzer krankheitsbedingter Abwesenheit im Parlament von der Opposition zum Ruecktritt aufgefordert wurde, erklaerte er, er fordere jeden seiner Kritiker zu einem Charity-Boxmatch auf. Er brauche allerdings vorher sechs Wochen intensives Training. Ein anderer Athlet braucht kein Training mehr, er wirft auf der Insel Savai'i jeden Tag leere Kokosnuesse im richtigen Moment ueber ein Blow Hole und scheint von den hoch in die Luft geschmetterten Schalen bis jetzt noch nie getroffen, sondern nur nass geworden zu sein. Die Spende von einem Dollar pro Zuschauer ist verdient.

Dass wir in Schanghai am Zimmer-TV als erstes einen alten Schweizer Nationalsport mit chinesischem Kommentar verfolgen konnten, hatten wir nicht erwartet, es war nicht der Bruenigschwinget, sondern der EM-Halbfinal von Schweden-Schweiz im Seilziehen (Tug of War). Bei ueber fuenfzig chinesischen Fernsehkanaelen wird wohl immer krampfhaft nach neuem Stoff gesucht. Die Eidgenossen verloren auch das Spiel um Platz drei gegen Irland, fuer mich gab es daher keinen Reiswein zum Festen.

Fahnen

Als zukuenftiger Journalist hat Michael ein scharfes Auge und erspaehte die eher aeltere Staatskarrosse mit Schild 0001 und der Schweizer Standarte zwischen dem "Bund" (Bankenstrasse) und dem "Platz des Volkes" in Shanghai sofort, Bundesrat Deiss war mit kleinem Gefolge unterwegs ins Volkswirtschaftsministerium.
Renate verpasste den Anblick des hohen Magistraten wegen dem Kauf einer guenstigen Hose zu ungefaehr drei Franken und hatte dem Tross den Ruecken zugekehrt.
Vor dem Peace Hotel belauschte ich danach zwei welsche Damen, die ueber das Wort "Bund" diskutierten, die aeltere war nicht wie vermutet Frau Deiss, sie hatte keine Taetowierung. Aber vielleicht hat sie die Rose wieder entfernen lassen.

Dass wir am dritten Reisetag bei der Ueberquerung von Aucklands Hafenbruecke mit einer riesigen Schweizerfahne begruesst wuerden, hatten wir nicht erwartet.
Ein Blick auf den Kalender zeigte dann, dass sie nicht zu unseren Ehren, sondern zum 1. August am Morgen durch den Honorarkonsul gehisst wurde, eine sehr schoene Geste der neuseelaendischen Behoerden. Waere ich nicht pensioniert, wuerde ich das auch Madam Mayor von Sydney vorschlagen.

Kein Besucher von Samoa sollte den taeglichen Fahnenaufzug durch das Polizeikorps verpassen. Die berockten Herren verstaerkt durch einige Damen marschieren taeglich mit klingenden Spiel kurz vor acht zum Abspielen der Nationalhymne vor das Regierungsgebaeude . Da Samoa bis 1914 eine deutsche Kolonie war, wird vor allem "Alte Kameraden" und Aehnliches gespielt. Die ehemaligen Kolonialherren sind noch vertreten durch die Polizeimaskotte, einen Deutschen Schaefer, der laut bellend dafuer sorgt, dass das Kontingent jeden Morgen einigermassen perfekt in Reih und Glied steht.


Unterkunft

Sollten wir nochmals nach Samoa reisen, wuerden wir einige Naechte in einer Fale verbringen, einem offenen Haus auf Pfaehlen, Uebernachtung, Strand und Mahlzeiten kommen pro Tag auf kaum fuenfzig Franken zu stehen. Unser ebenfalls guenstiges Arrangement enthielt neben 14 Motel-Gutscheinen in Neuseeeland plus Mietwagen und dem Flug Sydney-Auckland-Apia retour auch sieben Naechte in einem grossen Bungalow im Garten des altehrwuerdigen weltbekannten "Aggie Grey's" in Apia. Einige dieser Naechte waren allerdings kurz, in der ersten kamen wir infolge des Streiks mit Abflug um zwei Uhr in Auckland erst gegen morgens um sieben Uhr an, am Tag vorher natuerlich, denn Samoa ist das letzte Land vor der Datumsgrenze. Es gehoert zum Commonwealth, in dem die Sonne bekanntlich nie untergeht. Fuer den Rueckflug um 04.00 h wurden wir bereits um 01.30 h abgeholt, fuer die Faehre nach Savai'i um 04.30 h.

Unter den zwoelf in Neuseeland besuchten Motels gab es eigentliche Perlen.
In Taupo auf der Nordinsel enthielt das Zimmer einen separaten riesigen Sprudelbadraum, der mich so faszinierte, dass ich darin prompt ein Hemd und anderes vergass.
Da wir mitten im Winter reisten, waren ueberall (meist gut geheizte) Zimmer frei. Tags zuvor hatten wir die Unterkunft und ein herrliches Mahl in Rotorua, (der Schwefelstadt mit Hunderten von Geysiren} trotz dem 'faule Eier-Aroma in der Luft" sehr genossen und gelernt, dass man vereiste Autofenster nicht mit heissem, sondern mit kaltem Wasser auftauen soll. Dies war uns spaeter in Dunedin an der Suedostkueste der Suedinsel sehr nuetzlich, wo die Morgentemperatur deutlich unter die Nullgradgrenze sank, uns aber bei den Boulders (riesige Felsbaelle am Strand) und auf der Otago-Halbinsel einen herrlichen, wolkenlosen Fruehlingstag bescherte. Waere das Wetter in Neuseeland ein Casino, wir haetten viel Geld gewonnen, wir fuehlten uns als wahre Glueckspilze. Im Tongarino National Park mit vielen Dreitausendern hatte es zuvor wochenlang geregnet.

Tierisches

Neuseeland hat mehr Schafe als Menschen und man fuehlt sich zeitweise in biblische oder in die "Lord of the Ring"-Zeiten zurueckversetzt. Die vier Millionen Einwohner verteilen sich ueber zwei Inseln, die zusammen doppelt so gross sind wie Bangladesch, das heute eine Bevoelkerung von an die 140 Millionen aufweist!

Im Kleintiermarkt von Schanghai haette der Tierschutz allerhand zu tun, Hunde in viel zu kleinen Kaefigen, Fische in ueberfuellten Aquarien, angekettete, anderswo geschuetzte rare Voegel und Kackerlacken, die zum Kampf auf Leben und Tod anzutreten haben. Der freundlichen Einladung, auch auf so ein Tier zu wetten, konnte ich widerstehen.

Mehr Freude machten uns die vielen kleinen und grossen Schweine, welche Samoa bevoelkern und denen es bis zu einem sonntaeglichen Festmahl sehr gut zu gehen scheint.

Neben dem stets verhuellten Mt Cook, dem hoechsten Gipfel Neuseelands, versteckten sich nicht ganz ueberraschend auch die Berge am Regenloch Milford Sound meist hinter den Wolken. Entschaedigt wurden wir aber durch die zahlreichen Pinguine, Seeloewen und Delphine.

Zeichensprache

Wie erklaert man einem chinesischen Privatchauffeur {thanks again, dear HP!), dass man waehrend der Fahrt aufs Huesli muss ? Man schreibt Toilette auf einen Zettel und laesst das Wort am Hotelempfang auf Chinesisch uebersetzen, um das Papier im richtigen Moment zu zeigen..Doch die netten Damen im Down Town Holiday Inn sind noch nicht sehr gut in Englisch. Nach einer langen Diskussion ueberreichten sie Renate eine Rolle Toilettenpapier, sehr zum Erstaunen der gerade eincheckenden vornehmen andern Gaeste. Besagter Chauffeur behandelte uns auf der Fahrt zu den Wasserstaedten Suzhou und Zhouzhuang tempomaessing, blinkend und hupend als Staatsgaeste, Herr Deiss waere wohl eifersuechtig geworden. Der Mann scheint frueher einen Chef chauffiert zu haben, der oft irgendwo verschwand und viel spaeter wiederkam. Denn wenn er uns sagen wollte, dass wir aussteigen sollten und er (bei Besichtigungen) ohne weiteres Stunden auf uns warte, sagte er jeweils "Just a moment". Die Traeger der Saenfte am Tiger Hill in Suzhou hatten offensichtlich mein Gewicht unterschaetzt und stoehnten, ich fuehlte mich mit etwas schlechtem Gewissen trotzdem fuer einige Minuten wie der Kaiser von China.

Kunst

Schon etwas von Kawakawa gehoert ? Wir frueher auch nicht. Doch dieser kleine Ort unweit der grossartigen Bay of Islands hat Weltruf dank Friedrich Hundertwasser, der dort laengere Zeit gelebt hat, auf der Schiffsreise nach Europa starb und unweit seines neuseelaendischen Wohnorts begraben wurde. Er hat eine oeffentliche Toilette in seinem unverkennbaren Stil geschaffen, und es scheint, dass viele ihr Bruenneli bis Kawakawa aufsparen, um in kultureller Umgebung zu pinkeln, zu fotografieren und sich mit Souvenirs auszuruesten. Bestimmt profitiert auch das nahe Pub von dieser Sehenswuerdigkeit.

Kulinarisches

In Schanghai haben wir ausschliesslich und sehr guenstig in Restaurants gegessen, welche praktisch nur von Chinesen besucht werden. Wir wurden dadurch selbst zur Attraktion, und ich frage mich, ob die Koeche im "Dishuidong" ihre ohnehin scharfen hunanesischen Gerichte fuer uns noch etwas mehr gewuerzt haben, sie guckten staendig durch das Kuechentuerfenster, waehrend die kichernden Serviertoechter mit Erstaunen die Empfehlung im "Lonely Planet" lasen. Dass das lokal produzierte Budweiser das billigste und dadurch meist getrunkene Bier ist, erstaunt und veaergert. Die "Muenchener Freiheit" und "Le Bouchon"
interessierten uns weniger, mehr dagegen die verblichene Inschrift "Horn's Imbiss Stube" im ehemaligen Judenviertel, aus dem nach dem zweiten Weltkrieg viele Fluechtlinge nach Australien weiter emigriert sind.

Superlative

Renates Foto beweist, dass MagLev, der schnellste Zug der Welt, der vom Geschaeftsviertel Pudong in sieben Minuten die 30 km zum Flughafen zuruecklegt, seine Spitzengeschwindigkeit von 431 kmh erreichte. Er ist somit um einiges schneller als ein landendes Flugzeug und wirtschaftlich natuerlich ein Unsinn, reines Prestigedenken.
Erfreulich aber, dass die Fahrgaeste auf Schindler-Rolltreppen vom Bahnhof zum Check-In befoerdert werden. Im 468 m hohen Oriental Pearl Tower werden die Warteschlangen von Mr. Bean unterhalten. Dass auf der Weinkarte der Grand Hyatt Bar im 38. Stock des Jingmao Tower neben andern Spitzengewaechsen aus aller Welt auch eine Flasche Chateau Petrus fuer umgerechnet 5000 Schweizerfranken angeboten wird, gehoert auch ins Kapitel Prestige. Was wuerde wohl Mao dazu sagen, dessen Propagandaposter-Ausstellung in einem kleinen Museum Michael unbedingt besuchen wollte. Sehr interessant, vor allem auch die Zeugen aus der Zeit der Kulturrevolution. Grauenhaftes ist damals passiert, Millionen sind umgekommen. Je mehr man sich mit China und seiner Entwicklung beschaeftigt, umso mehr steht man vor einem Raetsel. Wuerde sich der Verfasser des roten Buechleins heute im Grabe umdrehen oder hat er diese Entwicklung sogar geplant ?

Wie geht es weiter ?

Anfangs September mit Freunden auf die Silk Road. Vorher sollte der Entscheid ueber unsere zukuenftige Behausung in der Schweiz fallen. Auch das dritte Angebot in Rapperswil war schlussendlich kein Hit. Die historische Dachwohnung am Hafenquai liegt ueber einem chinesischen Restaurant, dessen Duefte per Lift in den vierten Stock befoerdert werden. Nach vier Tagen China und der Wohnung von Michael in "Little Shanghai" (Ashfield) ist unser Bedarf vorlaeufig gedeckt, obwohl wir weiterhin oft einen feinen Dumpling oder ein Dim Sum in den vielen Quartier-Restaurants geniessen.


Postadresse bis auf weiteres: c/o Michael Mehr, 8/11 Loftus Street, Ashfield NSW 2131 / Telefon 61 2 9798 2519 / email: renatem@swissinfo.org / www.mehr.ch


Herzliche Gruesse, im Moment wieder aus Australien

Renate, Michael und Albert