Seidenstrasse - Iran und Uzbekistan


3. bis 25. September 2005


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)

"Iranians are the most surprising people. Where you might expect them to be , they are charming; rather than dour, they are warm, and instead of hostile to foreigners, they are welcoming and endlessly curious".

Kamin Mohammadi, Lonely Planet Iran

Bei unserer Ankunft im brandneuen und bisher nur von wenigen Fluglinien aus den Golfstaaten benutzten "Iman Khomeini International Airport" sah es gar nicht danach aus, dass wir das obenerwaehnte Zitat zwei Wochen spaeter voll und ganz unterschreiben wuerden. Trotz schwarzem Kopftuch und hochgeschlossenem Antisex-Regenmantel (Foto 001) wurde Renate (allein) bei der Passkontrolle zu einem Spezialschalter gefuehrt. Hatte die Geheimpolizei herausgefunden, dass meine Gattin auf dem Visagesuch verschwiegen hatte, dass sie vor 42 Jahren einmal fuer drei Monate im damaligen "Schah-Paradies" temporaer auf unserer Botschaft in Teheran gearbeitet hatte? Nach einer etwas bangen Viertelstunde der Trennung war das Raetsel geloest. Der nette Visabeamte in Canberra hat in ihrem Pass einen falschen Sichtvermerk eingeklebt, auf den wohlklingenden Namen eines Exil-Iraners lautend, was sogar die gestrengen Grenzpolizisten zu einem Laecheln brachte. Ich habe in Kloten noch nie einen schmunzelnden ZH-Kapo-Mann gesehen. Wie der andere Tourist mit dem Renate Mehr-Visum eingereist ist, entzieht sich unserer Kenntnis..

Das Glueck war uns hold. Mit Rahman Mehraby (002) hatten wir wohl den besten Fremdenfuehrer des Landes, wie ihm eine Konkurrentin neidlos und spontan attestierte. Unsere Sechsergruppe, wieder so eine Agathe Christie Mischung (Richter, Lehrerin, Kuenstler, akademische Feministin und Mehrs), hatte bei den World Expeditions ein massgeschneidertes Programm erhalten, dessen Reise von Teheran ueber Shiraz (Flug) weiter per Minibus nach Kerman, Yazd, Isphahan und zurueck in die Hauptstadt fuehrte, von wo wir nach Taschkent flogen. Nachdem in den "Iran News" der schlechte Wartungszustand der Flugzeuge von Iran Air kritisiert wurde, gleich neben einem Inserat der Fluggesellschaft..., war es uns auf den beiden Fluegen nicht unbedingt ganz wohl. Meine Bemerkung, die ergrauten Piloten floessten mir eigentlich Vertrauen ein, wurde nicht von allen Mitreisenden geteilt, vor allem weil kuerzlich ein Pilger-Jumbo nach Mekka den Start wegen Feuer abbrechen musste. Mit "Perhaps the next catastrophe is just around the corner", hatte der Journalist seinen kritischen Artikel geschlossen. Aber Allah, dessen Schutz vor dem Take off angerufen wird, war uns gnaedig.

Er war es auch in Uzbekistan, wo Renate herausgefunden hatte, dass der Service der dortigen nach einem Absturz in 2004 nun meist neuen Flugzeuge von Lufthansa besorgt wird. So war es wohl ein Deutscher, der unmittelbar vor dem Abflug von Taschkent nach Urgench ins Cockpit gerufen wurde und zusammen mit den uzbekischen Kollegen mindestens eine halbe Stunde das Checklist- und Instruktionsbuch studierte. Ich war zum Glueck der einzige unserer Gruppe, der dieses Intermezzo beobachtete. Beruhigend war auch zu lesen, die Crews von Uzbekistan Airlines haetten alle kuerzlich Nachhilfestunden in Englisch genossen. Zwischen Taschkent und Bangkok sassen wir unter einer fidelen Gruppe junger Israeli, welche von Tel Aviv in die Ferien in Thailand unterwegs waren, nicht unbedingt der kuerzeste, wohl aber der billigste Weg. Dieser neuerstandene Staat mit 27 Millionen hat seine kommunistische (003) und islamische (004) Tradition offensichtlich aus wirtschaftlichen Gruenden total revidiert, Hauptexportartikel sind Oel, Erdgas und Baumwolle (032).

Aber zurueck zum Iran. Sieht man von den teils furchterregenden Mullahs und der Propanda (005, 006, 007) der radikalen Politiker ab (der neue relativ junge Praesident sieht zwar sympathisch und fuer Damen attraktiv aus}, und glaubt man auch den Evil-Axis-Spruechen von Bush nicht, dann wird das Land zu einem beglueckenden Erlebnis. Wer auf dieses Volk unbelastet und objektiv zugeht, erlebt eine intensive positive Reaktion, welche wir noch kaum anderswo erleben durften. Dass dabei die schwarzen Mandelaugen der trotz dem Kopftuchgebot raffiniert und ueberraschend modisch gekleideten und geschminkten jungen Schoenheiten eine Rolle gespielt haben, will ich nicht bestreiten. Auch unsere drei Damen haben nach wenigen Tagen die Farbe von Kopftuch und Mantel von Schwarz und Braun auf Blau und Gruen gewechselt (008). Die jungen Iranerinnen (009) und Iraner sind gluecklich, ihre guten Englischkenntnissse an den Mann oder die Frau zu bringen. Besonders eindruecklich war dies in Shiraz am Grab des Poeten Hafez, einer eigentlichen Pilgerstaette. Waehrend viele Moscheen auch am Freitag schlecht besucht werden, scheint sich hier vor allem am Abend ganz Iran, alt und jung, zu treffen und wenn man bedenkt, dass Hafez und sein Lebenswerk Toleranz, Friede und Freundschaft verkoerpert, erfuellt dies den Besucher mit Hoffnung und Freude.

Natürlich gab es auch fuer uns in Shiraz keinen Wein, nur suesse Trauben. Waehrend die cleveren Bewohner des Landes anscheinend leicht zu einem Whisky kommen, zogen wir unsere Anti-Cholesterol-Kur voll durch und gingen keine Risiken ein, was meinen Arzt in Sydney nach der Analyse fast zu einem Freudensprung veranlasste. Waehrend zwei Wochen war es unser Ziel, das beste 0 Prozent-Bier zu finden, fuer mich hat das Tuborg Spezial gewonnen, knapp vor Baltika, einem russischen Gebraeu. Fuer 2006 plant Herr Doktor mit uns eine Libyenreise....

"Curious" sind sie wirklich, die Jungen dieses Landes. Dank einem Artikel in den im Flugzeug gelesenen "Dubai News" wussten wir, dass in Teherans "Museum of Contemporary Art" eine einmalige Ausstellung stattfand. Zum erstenmal seit der Revolution wurden die kurz vorher von Farah Dibah in aller Welt aufgekauften Werke von Picasso, Gauguin, Miro, Andy Warhol, Monet und vielen andern und seither unter Verschluss gehaltenen 188 Gemaelde der Oeffentlichkeit zugaengig gemacht, erfreulicherweise sind auch ein Jean Arp und mehrere Giacomettis darunter. Einmalig ist das richtige Wort, denn der mutige Kurator des Museums wurde in der Zwischenzeit gefeuert. Doch die vielen jungen Leute, welche wir in der Ausstellung beobachten konnten, lassen die Hoffnung aufkommen, dass fuer dieses Land vielleicht doch eine intellektuell tolerantere Zukunft anbricht. Das sympathische Volk wuerde es verdienen. Waehrend Jahrhunderten haben die herrschenden Familien nur fuer sich profitiert, wie das faszinierende Kronjuwelen-Museum mit den Geschenken aus aller Welt deutlich zeigt. So eigenartig es toent, das Museum hat uns an etwas ganz Aehnliches in Nordkorea erinnert, wo die Sympathien des "Grossen Leaders" ebenfalls mit Huldigungen jeder Art erkauft wurden. Dort ist uebrigens auch eine Vreneli-Uhr von Herrn Cotti dabei, Reza Pahlevi Schah und seine Vorgaenger haben vor allem die Russen, Franzosen und Briten reich beschenkt.

Was uns zu Persepolis bringt, wo auch Bundesrat Graber 1971 beim Fest des Jahrhunderts, der 2500 Jahrfeier, teilgenommen hat. Die Millionen, die dort verschleudert wurden, haben dem Schah zweifellos das Genick gebrochen. Wer diese gut erhaltene und teilweise wieder aufgebaute Kaiserstadt (010, 011) unter stechender Sonne besucht, denkt unwillkuerlich an Pfingsten in der Bibel, wo die vielsprachigen Pilger erwaehnt werden, die sich durch ein Wunder ploetzlich verstehen konnten. Hier bringen sie Kaiser Darius ihre Gaben dar (012). Dabei realisiert man, aus wie vielen Volksstaemmen sich auch der heutige Iran mit seinen 70 Millionen Einwohnern zusammensetzt, keine leichte Aufgabe fuer jede Regierung.

So haben wir auch die christliche Kathedrale der Armenier in Isfahan und den Mountain of Silence (013) in Yazd besucht, gemaess Unesco die aelteste Stadt der Welt und Zentrum der Zoroaster, die das Feuer verehren und ihre Verstorbenen vor nicht allzu langer Zeit noch auf dem heiligen Berg durch die Geier verspeisen liessen, um die Umwelt nicht zu gefaehrden. Die Vogelgrippe war damals offensichtlich noch nicht aktuell. Wir waren sehr beeindruckt, wie sich diese heute vor allem in Indien aktive Religion behauptet und ihre oekonomischen Talente zum Tragen bringt.

Von Isphahan (014) zu schwaermen, hiesse Eulen nach Athen tragen, die Gebaeude sind einmalig und sehr gut renoviert (015, 016, 017, 018, 019). Dass wir im Gaestebuch eines typischen Restaurants die Visitenkarte von JP Wirz aus Sarnen fanden, beweist, dass sich erfreulicherweise trotz all der negativen internationalen Propaganda sogar Reisebueros aus der Zentralschweiz in dieses faszinierende Land wagen.

"Islam in Action" war unser selbstbestimmtes Programm am letzten Tag in Teheran. Dank unserem Fuehrer fanden wir, was wir suchten. Es gibt sie noch, die Souks (020, 021, 022) um eine Moschee in einem Nordquartier, wo, Maenner und Frauen natuerlich streng getrennt ihre Probleme und Sorgen vor den Allmaechtigen legen und das Grabmal eines Heiligen beruehren. "We are your leaders", sagten zwei Studentinnen spontan zu Renate, und erklaerten ihr, natuerlich alle im Chador, die Gebraeuche und Sitten das Landes. Aehnliches hatten wir auch an einem Abend in einer beruehmten Moschee in Shiraz erlebt.

Kulinarisch war der Iran nicht unbedingt ein Highlight, aber wir waren trotzdem positiv ueberrascht. Das reichhaltige Menue mit vielen Appetizers wiederholte sich zwar taeglich, doch niemand bekam Probleme, was sich in Uzbekistan dann schlagartig aenderte. Nach meiner Rechnung erwischte der Fluch der Pharaonen (oder des lokalen Boesewichts Amur Timur (023) etwa ein Drittel der Reisenden, sei es die nette Gruppe aus Biel mit dem Teppichfachmann Grossniklaus, die sympathischen zwei Ehepaare aus Richterswil, die lustigen Franzosen aus dem Jura oder unser Sextett. Da konnten bei einigen selbst die Sehenswuerdigkeiten von Khiva (024, 025, 026), Bukhara (027, 028) , Shar I Sabz und Samarkand (029, 030) den ploetzlichen Drang zur Toilette nicht verhindern. Als erfahrene World Travellers waren Renate und ich gluecklicherweise immun. Vorsicht beim Buffet mit den vielen undefinierbaren Saucen und fettem Schaf (031) lohnt sich. Statt in Medikamenten legten wir unser Geld in schoenen Teppichen (033) an, den letzten erstanden wir dank einem erfrischenden Konzert von vier aelteren Solisten in der alten russischen Kirche von Taschkent, die heute Bilderausstellungen und, sehr clever, einen Teppichladen beherbergt.

An lustigen Erlebnissen fehlte es auch in diesem Land nicht. So schaltete der Computer im Emailbuero von Taschkent ploetzlich auf russische Zeichen und niemand war in der Lage, mir zu helfen. Und nachdem keiner den auf jeder Mineralwasserflasche abgebildeten Velorennfahrer kennen wollte, realisierten wir erst spaeter, dass Vinokourov nicht aus Uzbekistan, sondern aus dem eher unbeliebten Nachbarn Kazakhstan stammt, was sich fuer den Absatz des von Nestle vertriebenen Getraenk kaum positiv auswirken duerfte.

Nur Stunden bevor wir nach Bangkok flogen und dort nach den oft etwas feuchten Badezimmern den herrlichen Komfort im Marriott voll genossen (sogar auf der hoteleigenen Faehre werden Mineralwasser und Erfrischungstuechlein serviert) erlebten wir in Taschkent eine eigentliche Ueberraschung, was nach den Begegnungen mit frustierten ehemaligen russischen Kolonialisten ("njet" sagte unser Chauffeur oft) sehr erfrischend war. Der "Civilian Hairdresser" auf dem Plakat entpuppte sich nach einigen Uebersetzungsschwierigkeiten als "Barbier von Sevilla". Da wir sieben Personen waren, erhielten wir die besten Tickets zum Kollektivtarif von umgerechnet Fr. 1.95 pro Person. Obwohl die Kulissen mehrfach gefaehrlich schwankten und die Zahl der Saenger und Musikanten diejenige der Zuhoerer fast uebertraf, bliebt dieser Abend in der stilvollen Oper unvergesslich. Junge Talente, schoene Stimmen und erfrischender Humor, wir haben diesen Barbier auf Russisch sehr genossen, wie auch die ganze Reise.

Das Vogelparadies Mallacoota in Suedwest-Victoria, King Island, die zu Tasmanien gehoerende Insel mit nur 1800 Einwohnern, auf der Milch und Honig fliessen und das beste Fleisch der gluecklichsten 90'000 Rinder der Welt herkommt, die Grampian Berge (Vorbereitung auf den Alpstein) sowie das Weinparadies Rutherglen ("Sydney might have the nicer harbour, but Rutherglen has the better port") waren eine auch kulinarisch gut gewaehlte Zugabe in unserem sechsmonatigen Reiseprogramm.


Ab November wohnen wir in St. Gallen, an der Dufourstrasse 123
Telefonnummer wird so rasch wie moeglich auf www.mehr.ch publiziert


24.10.05

Renate und Albert Mehr