Langer Weg zur libyschen Bridal Suite


19. Februar - 3. März 2006

"And now again the story of Tripoli changes. But whatever outcome, she will have her limpid skies, her air like wine, and a climate where it is a sin to acknowledge an ache or a pain, old age or unhappiness."

Mabel Loomis Tood
Tripoli the Mysterious


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)

Je nach Sprache wurden wir als crazy, fou oder verrückt erklärt, als wir unsere Freunde wissen liessen, wir würden auf dem Landweg von Ägypten nach Tripoli reisen. Die Tatsache, dass wir mit zwei befreundeten australischen Ärzten fahren wollten, beruhigte die Besorgten nur wenig. Doch am Schluss einer denkwürdigen, zeitweise dramatischen und sehr lustigen Reise können wir sagen: Es hat sich gelohnt. Und Mabel Loomis Tood hat Recht: In Libyen fühlt sich jeder um zehn Jahre jünger, schmerzlos und glücklich, auch wenn die Stirn blutet und man ungewollt in die Knie geht, doch davon später.

Anfangs klappte alles wie am Schnürchen. Im Flughafen Kairo wurden wir vom Vertreter des Reisebüros abgeholt, im Ramses Hilton entpuppte sich anderntags ein netter Herr in der Ecke des Frühstücksraums als Dr. med. Joseph Waks und nach unserer Fahrt auf der sich von der alten Wüstenstrasse zu einer Nordafrika-Autobahn entwickelten Route trafen wir im uns vertrauten Alexandrien auf meinen “Leibarzt“ George Poulos mit seiner Gattin. Ein Lunch im historischen Cecil Hotel liess alte Erinnerungen aufkommen. Es ist hier viel passiert seit 1981. Während sich die Corniche heute sauber und einladend präsentiert, spürt man hinter der Fassade einen starken Trend zur Islamisierung, auch in der neu erstandenen grossartigen Bibliotheca Alexandrina sind praktisch nur noch verschleierte Studentinnen anzutreffen (Foto 021), was allerdings vereinzelte sehr sexy gekleidete Koptinnen nicht ausschliesst. Alexandria zeigte sich uns von der besten Seite, im modernen Hotel, im Fischmarkt-Restaurant und im Garten des Montaza Palastes.

Je länger das Blutvergiessen im Irak dauert, umso mehr schmerzt der Besuch eines Kriegsfriedhofs wie El Alamein, wo Abertausende aus Deutschland, Italien, Grossbritannien, Australien und Neuseeland ihr junges Leben in der Wüste lassen mussten. Der Text im Museum, dass der mit der Achtung des Gegners verbundene Kampf immer ritterlich war, tönt beim Anblick dieser Gräber heute eher zynisch (029).

Unweit der Gedenkstätten, die neuerdings auf einer Schnellstrasse vom Resthaus aus direkt erreicht werden können, reiht sich viele Kilometer weit eine Feriensiedlung an die andere. Hier wird investiert wie vielleicht bald in Andermatt, doch das Geld stammt hier offensichtlich nicht von Kopten, sondern aus Arabien, was die zahlreichen grossen Moscheen nur allzu deutlich machen. Namen wie Santa Monica Village passen allerdings nicht in die Gegend….

Auch Marsah Matrouh hat sich verändert, unser romantisches Beau Site, wo jeweils beim Abschied der Kasatschok gespielt wurde, ist so von Betonklötzen umgeben, dass man es kaum mehr findet. Wir waren im besten Haus am Platz, dem Negresco einquartiert. In einigen Zimmern hatte man das Dilemma, zu duschen oder aufs WC zu sitzen, sehr zum Missfallen unserer Reisegefährten. Noch mehr Verschleierte als in Alexandria, unser fanatischer Begleiter Osama (!) hielt uns nach dem Marktbesuch ausführliche Vorträge über die muslimische Gleichberechtigung der Frau und die Weisheit des Korans, um ein Haar wäre ich aus Protest aus dem Wagen gesprungen.

Dank dem Internet weiss ich nun auch, wieso ein Jass Sidi Barani heisst. Dieser Name hat mich immer fasziniert, doch zu unserer Zeit war die Stadt, wo die Italiener mit ihrem General im Pyjama 1942 vernichtend geschlagen wurden, für Touristen nicht zugänglich. Immer weiter zogen wir diesmal nach Westen und nach einer eindrucksvollen Kulisse bei Sollum erreichten wir die Grenze, wo die ägyptischen Ausreiseformalitäten wie erwartet rund eine Stunde in Anspruch nahmen.

Und dann kamen sie, die good and bad News. Good, weil der libysche Reiseführer bereits eingetroffen sei, bad, weil für Ausländer die Grenze vor einer Stunde ohne Vorwarnung geschlossen wurde! Die schlimmen Zwischenfälle in Benghazi mit vermutlich über zwanzig von der Polizei erschossenen Karikatur-Demonstranten hatten immer noch Folgen, vor allem an diesem Donnerstagmittag. Die Behörden hatten offensichtlich grosse Angst vor dem nächsten Freitagsgebet.

Unsere Reisegefährten sassen da wie versteinert, wurden dann aber rasch wieder lebendig und vor allem zornig, als wir für den Wiedereintritt in Ägypten aus dem Niemandsland nicht weniger als 3 (drei) Stunden benötigten. Die Zoll- und Sicherheitsbeamten waren von einer solchen Situation schlicht überfordert und die Mehrschen Pässe mit Visas von Iran, China und Usbekistan liessen wohl die Vermutung aufkommen, wir seien Agenten oder Spione.

Es folgte eine siebenstündige Schussfahrt über 750 km nach Kairo, wo wir zum Trost für zwei Nächte im Hotel Concord El Salam untergebracht wurden, in dem wir vor über 25 Jahren bei der Eröffnung Guinea pigs spielen durften.

Erstaunlich rasch hatte das Reisebüro umprogrammiert, der Flug Kairo-Tripoli klappte gut. Auf weniger Begeisterung stiess dann das drittklassige Hotel, in dem wir kurz vor Mitternacht in der libyschen Hauptstadt einquartiert wurden. Die Betten waren nicht bezogen oder schmutzig, mein Nachttischli fiel gleich auseinander. Unsere erzürnten Aussies drohten, anderntags nach Sydney zurückzufliegen, und so standen wir nach einer kurzen Nacht anderntags mit finsteren Mienen und Sack und Pack zum sofortigen Auszug bereit, unter Hunderten von farbenfroh gekleideten Afrikanern, die zu einem Kongress “Jugend und Frau“ ins libysche Paradies gereist waren.

Die Drohung, wenn bis zwölf Uhr mittags nichts passiere, sei fertig lustig, verfehlte ihre Wirkung nicht. Kurz vor Ablauf der Frist kam der Anruf auf das Handy unseres Reiseführers: Im ursprünglich für uns vorgesehenen Bab el Bahar seien drei Honeymoon Suiten reserviert, mit goldfarbigen Doppelbetten und Whirlpool, Früchtekorb und (natürlich) alkoholfreier Gratis-Mini-Bar mit nullprozentigem Heineken und Rauch-Traubensaft darin. Ein Fernsehapparat statt deren zwei hätte eigentlich genügt, denn ausser eigenen und Golf-Nachrichten werden nur amerikanische Filme (wohl als Beweis für die Dummheit der Yankees) und viel Fussball gezeigt. Zieht man einen Stecker für einen andern Zweck heraus, passt er nachher auch mit Würgen nicht mehr in den Schalter. Der Ton war fast ausschliesslich Arabisch. Unser Führer (066), ein bewundernswerter Autodidakt, meinte einmal, nach über vier Jahren Algerien und deren vier in Ägypten seien meine Arabischkenntnisse erstaunlich mager. Recht hatte er, sein Englisch war ganz passabel und wie fast alle Bewohner des Landes war er stets freundlich und aufgestellt. Wenn man bedenkt, was die Italiener hier während der Kolonialisierung an Verbrechen begingen, kann diese sympathische Haltung dem Fremden gegenüber nur erstaunen und ihn erfreuen. Jedes vierte Auto trägt übrigens einen CH-Kleber, Privatimporte als Folge des jahrelangen Handelsembargos. A propos Arabischkenntnisse: In Kairo haben wir immerhin einen netten alten Taxichauffeur, der weder Englisch, noch lesen noch schreiben konnte, zum Haus gelotst, in dem wir seinerzeit vier glückliche Jahre verbringen durften (052).

Natürlich war für mich Gadaffis in der Wüste verfasstes “Green Book“ unverzüglich Pflichtlektüre. So konfus seine Schlussfolgerungen sind, so sollten Boxen und Ringen abgeschafft werden…., so hat er mit andern Ansichten nicht unrecht. So betrachtet er knappe Gewinner von Wahlen als schlimme Diktatoren, die oft dem eigenen und fremden Staaten ihren Stempel aufdrücken. Geschrieben in den Siebzigerjahren, haben diese Zeilen durch die umstrittene Wahl von Bush im Jahre 2000 eine gewisse Aktualität erhalten. Interessant, wie junge Libyer auf ihren illustren Staatschef reagieren. Einerseits mit einer gewissen Bewunderung und Zufriedenheit (medizinische Versorgung und Erziehung sind dank den Öl-Einnahmen frei), andrerseits Belustigung über seine Eskapaden und die meterhohen Plakate mit seinem verklärten Bildnis und der Zahl 36 (295). Bringt er es wohl auf eine weitere runde Zahl, schliesslich ist er seit 1969 an der Macht. Dies aber kaum dank seinen attraktiven weiblichen Bodyguards (sorry, no pictures!), von den Bürgern eher als Show bezeichnet. Das rassige blaue Tenue ihrer männlichen Kollegen stellt unsern Kampfanzug aber klar in den Schatten.

Nachdem die Region Benghazi für alle Touristen vollständig gesperrt war, mussten wir zum grossen Leidwesen unseres Experten George Poulos auf die griechischen Ruinen in der Cyrenaica verzichten. Dafür kam er bei den Spuren der Römer in Leptis Magna voll in Fahrt. Jahre hatte er sich als Hobby auf diese Reise vorbereitet, und wir waren von seinem mit viel Humor gewürzten Wissen sehr beeindruckt (190, 192, 201, 212). Bei mir hatten diese spannenden Geschichtslektionen anderntags in Sabratha (268, 269) zur Folge, dass ich mein Haupt ungeschützt an das Portal der Bäder des Oceanus schlug. Renate war wie immer mit Bepanthen Plus und Heftpflaster bereit, die Wunde brauchte nicht genäht zu werden, fast ein wenig zum Leidwesen der beiden medizinischen Experten. Es hätte allerdings schlimmer kommen können, für alle fünf Köpfe, denn als wir das benachbarte Museum besuchen wollten, war der Hauptteil davon geschlossen, wegen Einsturzgefahr der Ecke, ohne Schnee...

Das berühmte Ghadames lag zeitlich nicht drin, aber eine Fahrt nach Nalut, Kabaw (137) und Gharyan brachte uns die Erinnerungen an die Berber Algeriens zurück. Der Touristenpolizist, unser stetiger Begleiter auf allen Ausflügen, ob zu unserm Schutz oder als Spion, schlief meistens friedlich. Erstaunlich viele Touristengruppen waren unterwegs, vor allem aus Italien, Frankreich, Belgien und Holland. Dänen gaben sich nicht zu erkennen, wohl auch nicht beim heruntergekommenen Palast des Koenigs Idris (309), jetzt Bibliothek für das Volk, an dessen Eingang eine schlechte Fotokopie der Logos von zu boykottierenden Produkten wie Lurpack Butter und Lego hängt (310). Letztere werden allerdings im Airport Duty Free weiter angeboten, dafür gibt es dort nicht viel anderes.

"Libya is in desperate need of public toilets - there simply aren't any. If you're out and about, ask at a restaurant, teahouse, mosque or hotel for al-hammam, mirhab or tuvalet."

Ausgerechnet am letzten Abend, wenige Stunden vor dem Abflug passierte es. Nach einem weit ausholenden Abschiedsspaziergang durch die Medina (059) und die Einkaufsstrassen (082) musste ich dringend. Da nicht gerade ein Teehaus oder eine Moschee in der Nähe war, hatte unser Führer eine Glanzidee: Ein Kino!

Ein baumlanger Afrikaner führte mich mit einer immer schwächer werdenden Mini-Taschenlampe durch vollständiges Dunkel, vielleicht wurde ein Film aus 1001 Nacht gezeigt... und wir tasteten uns zusammen eine Treppe zum Balkon hinauf. Dort stolperte ich in der Nähe des dringend gesuchten stillen Örtchens und fiel der Länge nach hin. Der nette Helfer, der mich wieder auf die Beine bringen wollte, lag plötzlich über mir, was meinerseits zu einem solchen Lachanfall führte, der die wenigen Zuschauer unter uns zu falschen Schlüssen geführt haben dürfte. Zum eher traurigen romantischen Streifen dürfte er nicht gepasst haben. Nun, als ich endlich das Geschäft erledigt hatte und unter neuen Schwierigkeiten heil zum Eingang zurückschlich, hatten sich meine Begleiter bereits Gedanken gemacht.

Der Rückflug um 23.00 Uhr zurück ins gelobte Land Ägypten verlief dann reibungslos. Ich schnarchte bereits nach einigen Minuten, was beweist, dass dieses Geräusch nicht auf Alkoholgenuss zurückzuführen ist, sassen wir doch im Muslimstaat Libyen während einer ganzen Woche auf dem Trockenen… Dass wir 40 Minuten nach unserer Ankunft in Kairo bereits in den bequemen Betten des neuen Intercontinental in Heliopolis lagen, erschien uns wie ein Wunder, das sich anderntags mit dem Live-TV-Sieg von Nadia Styger und einem angenehmen Flug mit SWISS nach Zürich fortsetzte. Einziger Wermutstropfen: Nach Gadaffis Zensurstaat konnten wir die NZZ kaum erwarten, wurden jedoch schwer enttäuscht. „Zeitungen erhalten nur Business Class Passagiere und die dort nicht verteilten Exemplare werden für die Abendflüge gebraucht…“ Welch ein Witz, wenigstens war das Essen fein und der ersehnte Wein auch.

Renate und Albert Mehr