IBERIEN - Licht und Schatten, Sonne und Regen


5. - 20. Oktober 2006


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)

Mit drei Australiern sind wir im Februar von Kairo nach Tripolis gereist, mit deren 16 kürzlich von Bilbao nach Porto und dann über Salamanca nach Madrid (158). Im Gegensatz zum Nordafrika-Abenteuer war diese Tour für Feinschmecker und Weinkenner organisiert. Nun, die diesbezügliche Bilanz war etwas durchzogen. Sowohl Spanien wie Portugal bieten aber in historischer und kultureller Hinsicht so viel Schönes und Interessantes, dass sich unsere Reise doch gelohnt hat.

Regen am Anfang in Nordspanien, Wolkenbrüche in Toledo und Madrid am Schluss, ein sturer Buschauffeur, dessen Fahrweise uns vermuten liess, er sei ein Analphabet und bei Ampeln und Verkehrstafeln dazu noch farbenblind sowie eine Reisebegleiterin aus Madrid, bei der ich mich an den alten Ausdruck „dumm wie Bohnenstroh“ erinnerte. Hiezu kam, dass die Qualität der Küche in den meisten staatlich geführten Paradores und Pousadas im Vergleich zu unserer Traumreise von 1973 erheblich gesunken ist. Es scheint, dass die besten Kräfte von den privat geführten Hotels und Restaurants dauernd abgeworben werden. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen waren die Zimmer aber immer noch sehr geräumig und romantisch.

Nie mehr IBERIA, hatten wir uns nach unserer letzten Rund-um-die-Welt-Reise mit dem Madrider Mitternachts-Intermezzo geschworen. Dass wir aber sogar auf der kurzen Strecke Madrid-Bilbao zuerst wieder über eine Stunde warten („technische Probleme..“) und dann wegen eines seltsamen lauten Geräuschs genau unter uns nochmals zittern mussten, hätten wir doch nicht erwartet.

Schock überstanden und dann Bilbao und San Sebastian voll genossen. Das im Ausland viel zu wenig bekannte Baskenland und dessen eigenwillige Bewohner (028) fanden wir sympathisch und sehr interessant. Leider haben die meisten, vor allem die Damen, schmale und lange Nasen…. Dann die eigenartige Sprache (004, 005), über deren Herkunft sich die Wissenschaftler immer noch streiten, grossartige Baudenkmäler (001) und natürlich der grosse Renner, das ultramoderne, zuerst von der Bevölkerung abgelehnte, jetzt aber als Touristenmagnet hochgeschätzte Guggenheim Museum des Kanadiers Frank Gehry (014, 024, 013)

Bei andauerndem Landregen kühlt sich auch im Bus die Stimmung ab. Sie hebt sich wieder beim Schmausen in den originellen Tapas-Beizli von Hondarribia mit herrlichen Plättli und günstigem Wein oder als Zaungäste der dort im Oktober häufigen Hochzeiten. Juan und Carmen, Felipe und Isabella, Jesus und Rosina usw., 80% Prozent der Ehen werden in Spanien immer noch vor dem Altar geschlossen und nachher mit Glanz und Gloria gefeiert. Die Hälfte davon geht wie überall in Brüche. Aber auch die Zelebranten sterben aus, das berühmte Jesuiten-Seminar von San Sebastian unterrichtet noch ganze zwei Theologiestudenten. Die überwältigenden Zeugen der Architektur des Mittelalters werden überall immer mehr zu blossen Museen, eine interessante Kombination mit der überall vertretenen modernen Kunst wie derjenigen von Eduardo Chillida (032).

Pamplona steht für den alljährlichen Bull Run durch die Altstadt, viel Blut in der Arena und den Jakobsweg (019), die meisten Pilger übernachten in dieser Stadt. Für uns einmal mehr gemischte Gefühle. Grossartige Architektur, sympathische Bewohner, aber dahinter immer diese Grausamkeit gegenüber einem Tier, das keine Chance hat (041). Nur zu gerne hätten wir uns darüber mit Arthur Hemingway unterhalten, der hier wohnte und von diesem Schauspiel fasziniert war (043). Auf mindestens drei Kanälen zeigt das Fernsehen am Wochenende die Schlächterei. Mein Wunsch wurde schlussendlich erfüllt. Wenigstens ein berühmter Torero landete nach dem Gewinn eines Ohrs beim Kampf mit dem nächsten „Feind“ (Originalton Presse) im Spital, wobei gleich die Zimmernummer für Blumenspenden bekannt gegeben wurde. Auch Renate hat ihm nichts geschickt…

Weiterfahrt in die Region Rioja, Parador Olite, gut renoviert (051) und mit einem feinen Mittagessen und dann Übernachtung im kulinarisch trotz klingendem Namen weniger feinen Parador Bernardo de Fresnada in Santo Domingo de la Calzada. Zum Glück gibt es den Lonely Planet. Unsere „Bohnenstroh“-Begleiterin hatte keine Ahnung vom „Hühnerhof in der Kathedrale“, der dank einem Wunder im Mittelalter zustande kam, als ein gebratenes Poulet plötzlich davon geflogen sein soll, um zu beweisen, dass ein Hingerichteter unschuldig war (058).

Rioja steht für Wind (050) und Wein, wir kosteten ihn mit Mass, bestaunten aber eines der weltweit schönsten Rebberg-Gebäude, Ysios in Laguardia (061), entworfen vom Stararchitekten Santiago Calatrava, der sich, man höre und staune, auch auf dem Marktplatz in St. Gallen ein Denkmal gesetzt hat. Um ein Haar hätten wir auch seine Exzellenz König Juan Carlos Alfonso Victor Maria de Borbon y Borbon, (mein Stolperstein im Tell-Star 1982) getroffen, weihte er doch gleichentags ein von Gehry geschaffenes Weinhotel in einer Nachbargemeinde ein. Wegen der bereits erwähnten „dummen Schese“ mussten wir uns (immerhin dank Intervention Renate mit der Foto des Gebäudes (066), der adrett gekleideten königlichen Sonderbewachung und dem einfliegenden Helikopter begnügen. Vor lauter Begeisterung rannten Renate und eine Aussie in einen falschen Bus. Den Ein- und rasanten Ausstieg hat der Video-Operateur leider verpasst.

Burgos mit seiner Kathedrale (068, 074) wollte unsere Travel-Mafia wegen angeblichem Zeitmangel aus dem Programm streichen. Auf meinen vehementen Protest hin fuhr man zurück und männiglich fand nachher, diese Kathedrale sei ein Höhepunkt der Reise gewesen. Dass ich nachher etwas spöttisch als „Cathedral Man“ bezeichnet wurde, störte mich nicht im geringsten.

Keine Ahnung hatte unsere Reiseleitung auch vom „naughty encounter between a monk and a nun“ (Lonely Plant) in der Kathedrale von Zamora (sorry, pictures only on request at the next fundraising). Wir kamen uns vor wie im Buch oder Film „Da Vinci Code“, rannten zehn Minuten vor Torschluss in den Dom, überstiegen ein Absperrseil zum Chorgestühl und suchten fieberhaft. Renate wurde rasch fündig und entdeckte noch ein weiteres interessantes Schnitzwerk dazu. Vermutlich wollten die Künstler im Mittelalter die schlimmste der sieben Todsünden (Wollust) möglichst drastisch darstellen. Im grossen Gemälde des Letzten Gerichts in der Kathedrale von Salamanca befinden sich unter den nackten Verdammten auch ein Tiara- und ein Mitra-Träger. Toledo ist anders, dort stellt El Greco den viermal verheirateten Tyrannen Philipp II im Monumentalgemälde „Die Beerdigung des Conde de Orgaz“ bereits vier Jahre vor seinem Hinschied als frommen Geretteten im Himmel dar. Im Gegensatz zu diesem opportunistischen Griechen war Goya ganz anders. Vor allem seine letzten, düsteren Werke haben uns tief beeindruckt.

Kein Wunder, dass auch der Sprung über die Grenze nach Portugal mit unserem Bus-Star-Team mit Umwegen und unnötigem Zeitverlust verbunden war. Das ehemalige Kloster Santa Marinha in Guimaraes war eine beeindruckende Herberge (112).

Ob die Barfuss-Produktion von Portwein am Douro den hygienischen Anforderungen entspricht (083, 085), entzieht sich unserer Kenntnis. Die Firma Calem in Porto, einer der wichtigsten Produzenten, versuchte uns mit einem gut begossenen Lunch für sich zu gewinnen, das Lamm war allerdings nicht mehr das jüngste…. Dafür zeigten gleich drei von uns, Bill, Kevin und Albert viel Energie und flogen über die letzte Treppenstufe vor dem Ausgang. Die Blessuren hielten sich in Grenzen. Die Stadt zeigte sich bei Sonnenschein von ihrer besten Seite (096).

Die antike Ciudad Rodrigo (115), wieder in Spanien, zieht vor allem dank Kunstausstellungen viel einheimisches Volk an. Eine gute Vorbereitung für Salamanca, dank einem ausgezeichneten lokalen Führer in jeder Beziehung ein Höhepunkt unserer Reise. Dass bei Renovationen in der Universität und den Kirchen auch Zeitgenössisches verewigt wird, beweisen der Astronaut und der Glacé-Schlemmer am Eingang der Kathedrale (120, 121, 123). Den berühmten Frosch haben wir auch gefunden, aber wir sind ja längst verheiratet und haben keine Prüfungen mehr zu absolvieren.

Der Mittelfinger der heiligen Teresa von Avila, den Franco auf seinem Nachttischli aufbewahrt haben soll, tröstete uns kaum über ein enttäuschendes Parador-Mahl in dieser heiligen Stadt hinweg. Frugales aber schmackhaftes Picknick am Abend im Hotelzimmer in der Innenstadt von Segovia, nur nach einem Fussmarsch von 15 Minuten zu erreichen (142). Interessant die jüdischen Spuren einer damals einflussreichen Minderheit.

Ob das Wetter beim Besuch des Valley of the Fallen bewusst nicht mitgespielt hat? Franco hat hier, in einem Wald, eine monumentale Felsenkathedrale zum Gedenken an die Toten des grauenhaften Bürgerkriegs (oder an sich selbst?) von zahllosen oft elend zu Grunde gehenden Gefangenen errichten lassen. Johannes XXIII sei Dank, er erhob Einspruch, dass dieser Bau nicht wie geplant sogar die Länge des Petersdoms übersteigen konnte. Ein kurzes Gespräch mit der intelligenten lokalen Führerin zeigte das ganze Drama und den noch heutigen Zwiespalt ob dieser schlimmen Epoche auf.

Madrid at its best: Die Königsgräber im Escorial, das Thyssen-Bornemisza Museum (Preisfrage: Wer ist der einzige darin vertretene Schweizer?), Centro de Arte Reina Sofia mit Picassos Guernica, dann auf eigene Faust La Bola, eine typische Beiz mit Originalrezepten in der Altstadt, Shopping, Prado und um Mitternacht noch ein sehr hoch stehender und sympathischer Flamenco. Auch ein weinendes Madrid bietet sehr viel. Wie auch zum Abschluss Toledo, wo wir kulturbewusst (152) aber komplett durchnässt im Hostal del Cardenal eine feine Paella mit Wein à discretion geniessen durften.


EVIVA ESPANA Renate und Albert Mehr