Lindau-Ravensburg - Solothurn-Mulhouse - Müstair-Meran


mit dem Buch "Auswanderungen" von Bauer/Frischknecht

Herbst 2008


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)

GPS für Wanderer

Wer allein wandert, lernt alle Wege und die lokale Bevölkerung kennen. In Lindau wies uns ein wohl etwas zu alter Mann auf eine Strecke, auf der wir fast eine Stunde verloren. Nicht allzu weit vor Ravensburg sorgten wir später in einer Familie an der Strasse für Dissonanzen, ihre Mitglieder waren sich über unsere geplante Strecke alles andere als einig. Da halfen auch ihre spontan geholten Landkarten nicht viel, behauptete doch der Senior, seine Tochter verwechsle den Wanderweg mit einem Fluss.

Im Elsass rief uns eine Frau spontan zu, der Wanderwegweiser sei umgedreht worden, was nicht zutraf…. Kurz vorher hatte uns ein deutscher Handwerker zu einem weiteren Umweg verholfen. Auch eine uralte hilfsbereite Frau, die ein Fahrrad durchs Dorf stiess (481), war sich über den richtigen Wanderweg nicht ganz im Klaren. Vielleicht haben wir aber ihr Elsässerdütsch nicht ganz verstanden.

Die „Hohe Winde“ (469) auf dem „Dursliweg“ im Solothurner Jura konnten wir nicht verfehlen, schnappten aber zuoberst nach Luft. Das imposante Kloster Mariastein (476) und die Burg Landskron (477) fanden wir sogar im Nebel mühelos, verfehlten aber in Leymen den direkten Weg ins weitere Elsass, was zu längeren Diskussionen unter uns führte.

Dass wir unserem Motorrad fahrenden Urner Freund Urs Zenoni nach einem überraschenden Treffen auf dem Pragelpass mit seiner Gattin Antonia und den Schwiegereltern erneut ganz zufällig im Dorf Schlanders begegneten, grenzte an die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers im Lotto. Als wir ihm von unserem Fehler vor dem „Welschgätterli“ (474), wo wir statt im Laufental im Kanton Jura gelandet waren, und dem grossen Umweg in den Wäldern des Elsass erzählten, wo uns ein (vermutlich) Schweizer Zollbeamter (in Zivil) mit deutschem Schäfer, welcher Renate vergeblich beschnupperte, auf den richtigen Weg nach Ramspach-le-Bas verhalf, meinte Urs, wir sollten doch ein GPS für Wanderer anschaffen, um Tausende von unnötigen Schritten zu vermeiden, die allerdings nun unsern Hilfsprojekten zu gute kommen….

Total erschöpft beschlossen wir 7 km vor Mulhouse, es während maximal fünf Minuten mit Autostopp zu versuchen. Die Rechnung ging zehn Sekunden vor Warteschluss auf, eine nette Frau mit Sohn fuhr ausgerechnet zum Hauptbahnhof und ermöglichte uns dadurch eine rasche Heimkehr in unsere St. Galler Badewanne.

Uns selbst verloren haben wir uns beinahe nie, am ehesten noch beim historischen Kirchlein von St. Peter (126) bei Tanas im Vinschgau. Der Schreck muss uns aber in die Glieder gefahren sein, verpassten wir doch nachher beim Wegkreuz mit der Aufforderung „Du Mensch halte Rast“ die Abzweigung nach Allitz, was uns einen riesigen unnötigen Umweg durch Viehweiden und steile Abhänge bescherte. Sogar die Kühe (117) schienen erstaunt zu sein.

Doch kurz darauf war uns das Glück wieder hold. Wir erwischten einen Bus, der an diesem Montag nach den Schulferien zum ersten Mal wieder verkehrte. Als einzige Fahrgäste wurden wir vom Chauffeur in seinem herrlichen Südtiroler Dialekt über fehlende Wanderweg-Zeichen aufgeklärt. Der gute Mann war so in seinem Element, dass er auf der kurvenreichen Strecke beinahe einen Zusammenstoss verursachte.

Der Vinschgau ist im Herbst das grosse Apfelparadies (124) (145). Eva hätte nicht lange suchen müssen, wir hingegen oft nach dem richtigen Weg. Die netten meist aus Osteuropa stammenden Saisonarbeiter waren allerdings keine grosse Hilfe: „Ich nix Deutsch, du fragen Mann mit Traktor“ (133).


Historische Stätten

Jürg Frischknecht und seine Partnerin verstehen es ausgezeichnet, dem Wanderer die Geschichte der jeweiligen Region (110) nahe zu bringen (112). Jeder Schweizer hat in seiner Jugend von der Schlacht an der Calven gehört, wo der Bündner Nationalheld Benedikt Fontana den Tod fand. Rückblickend ein sinnloses Gemetzel, „ein für die arme Christenheit ganz verderblicher Kampf, in dem Nachbarn, Freunde, Väter, Söhne, überhaupt Leute, die einander Gutes schuldig waren, einander tod schlugen“, wie der Chronist Ulrich Campell später zusammenfasste.

Das Schloss Juval von Reinhold Messner liessen wir links liegen. Es wimmelte dort oben von Tagestouristen, die immerhin im Tal parkieren und dann einen Shuttle-Bus benützen müssen, worauf ihnen ein Fussmarsch von 15 Minuten verbleibt. Positiv für die Bevölkerung wirkt sich bestimmt der von Messner inspirierte Bauernladen aus. Wir waren von der anspruchsvollen Wanderung ziemlich erschöpft, so dass wir uns eilends nach der nahen Bushaltestelle umsahen. Bingo, nach zehn Minuten traf das ersehnte Vehikel bereits ein.

Die mittelalterliche Festung Glurns liessen wir auf unserer Höhenwanderung zwar tief im Tal liegen, bewunderten es aber auf unserm Heimweg im PTT-Bus von Mals nach Zernez (149). Entweder wurde das Stadttor dem Postauto angepasst oder umgekehrt, eine Fahrt durchs Nadelöhr (147).

Frischknechts Grund für die vorgeschlagene Vinschgau-Wanderung war übrigens ein kühnes Bahnprojekt von Adolf Guyer-Zeller, der am Ende des 19. Jahrhunderts einen Orient-Express von Chur nach Konstantinopel plante. Das Projekt scheiterte an der Schmalspur, welche die Bündner nicht aufgeben wollten. Immerhin hat heute Stadler Rail mit seinen Leichtmetallzügen auch im Südtirol Fuss gefasst.

Ausgerechnet über diesem Geleise und der stark befahrenen Autostrasse marschierten wir auf dem Höhenweg auf und ab. Da wir beide alles andere als schwindelfrei sind, waren wir heilfroh, dass die Strecke mit Brettern, Eisenzäunen und Drahtseilen gut gesichert ist (129). Im Hinterkopf hatten wir aber im voraus die im Führer erwähnte Hängebrücke (141) oberhalb von Partschins. Doch sie war zum Glück für uns gesperrt, ein Unwetter hatte sie im Sommer teilweise abgerissen.


Den Wirt der Herberge von Bethlehem gibt es auch am Ortler

Das Tandem Bauer/Frischknecht gibt in seinem Buch wertvolle Adressen von Gasthöfen und sogar von Taxis, die wir in Italien allerdings nicht benützen mussten. Gelitten haben wir allerdings am zweiten Tag nach der herrlichen Waal (Suonen)-Wanderung (118) (119) (120) beim steilen Aufstieg zur Pension Ortlerblick (125). Die Wirtsleute, denen wir auf dem Weg begegneten, verwechselten die gebuchten Gäste Mehr mit Familie Mügg, waren aber nett und versprachen uns, gegen vier Uhr zurück zu sein. Weniger nett war dann aber der Chef des Hauses nach seiner Rückkehr, indem er ein junges Ehepaar mit einem neunmonatigen Baby barsch von der Terrasse wies und ihm den bestellten Kaffee verweigerte, „wir sind hier kein Gratis-Rastplatz“. Etwas eingeschüchtert begaben wir uns in unser Zimmerchen, das sich aber als gut geheizt und gemütlich entpuppte. Wir waren froh, die Rechnung am Vorabend begleichen zu müssen, um allfällige Scharmützel am Morgen zu vermeiden. Und siehe da, nach dem Frühstück wurde sehr nett verabschiedet.


Kulinarische Höhenflüge

Das Allgäu hat im Gegensatz zur Ostschweiz praktisch keine Brunnen und keine Wirtschaften. Stundenlang lechzt der müde Wanderer nach einem Trunk und wenn es bei einer Art Besenbeiz heisst, ab 12.00 h geschlossen, gibt es keine Ausnahme.

So konnten wir unser Glück im Gasthof zum Hirsch in Neukirch kaum glauben. Da stimmte alles: ein schönes Zimmer mit Badewanne, herrliches Bier und Holundersaft, ein Michelin-Stern würdiges Menü und eine sehr nette fachkundige Bedienung, ein Aufsteller für den kommenden Tag, die lange Strecke nach Ravensburg. Die „Schwabenkinder“ aus dem Montafon und dem St. Galler Rheintal haben es damals schwerer gehabt, bevor sie auf dem Marktplatz (72) des deutschen Städtchen richtiggehend verkauft wurden: „Was kostet das Büeble? (73)“

Die feine Küche des „goldenen Adler“ in Schleis wird nicht nur von müden Wanderern, sondern auch von ehemaligen Olympiasiegern geschätzt. Im Nebenzimmer tafelte Gustavo Thöni mit Freunden. Dass uns ein nicht auf der Karte aufgeführter Lagrein Dunkel „Perl“ angeboten wurde, haben wir sehr geschätzt, auch den sehr anständigen Preis (18 von 20 Punkten bei „Salz und Pfeffer“).

Beim nächsten Adler in Saturns genoss ich die Vinschgauer Kuttelsuppe, eine Mischung von Basler Mehlsuppe und sauren Thurgauer Kutteln. Wir stärkten uns dann beide nach den Strapazen mit einer herrlichen Pizza, der feine Hauswein gefolgt von einem „Treber“ war dazu eine ideale Kombination.

Ein Bijou in der Altstadt von Meran ist das Zweistern-Hotel „Rainer“, das ruhige Zimmer und eine historische Wirtschaft enthält, wo feine lokale Spezialitäten wie Kaminwurzen, Maultaschen und Marillenknödel die fröhlichen Stamm- und andern Gäste erfreuen. Das folgende Aufsteigen in den zweiten Stock bereitete allerdings nach dem harten Tag etwas Mühe.


War es wohl der richtige George Clooney?

Am fünften Tag, zwischen Naturns und Meran kommt der Hammermann. Der Algunder Waal-Weg und die Tappeiner-Promenade schienen sich endlos dahin zu ziehen, und nur die Hoffnung auf einen weiteren feinen Lagrein Dunkel mit Teigtaschen, Speckteller, dreierlei Knödel und einem feinen Nachtisch hielt die müden Wanderer einigermassen bei guter Laune. Vielleicht haben wir aber die neue, im Internet noch nicht erfasste Villa von George Clooney zufällig gefunden. Gut möglich, dass wir sogar den Oscar-Gewinner himself durch die Scheiben eines neuen Hauses entdeckten. Schliesslich ist er mit Italien dank seiner Villa am Comersee und dem Mountain-Bike-Training bestens vertraut. Vielleicht hätte er mir gute Tipps für den Auftritt von Guscht in „Oeppe am Million“ geben können. Nächstes Mal werde ich auf die Klingel drücken.


Die Tücken der Ticket-Automaten

Franz Hohler beschreibt in seinem neuen Buch „Das Ende eines ganz normalen Tages“, wie er sich in Deutschland mit grösster Mühe ein Bahnbillett von Gaggenau nach Rastatt beschaffen konnte. Überall ist jetzt alles automatisiert, wie auch wir am Bahnhof in Ravensburg, im Zug von Mülhausen nach Basel, im Stadt-Bus in Meran und im darauf bestiegenen Thurbo-Vinschgau-Express erfahren mussten. Auch vielgereiste Oldies sind oft schlicht überfordert. Spontan wird ihnen aber immer wieder von andern, lokalen Oldies tatkräftig geholfen.

Hohler betitelt sein Fahrkarten-Kapitel mit „Ich werde alt“ und lässt ein weiteres über seine Schwierigkeiten mit den Steckern und Schaltern im Hotelzimmer unter „Ich werde noch älter“ folgen.

Nachdem ich (Albert) unterwegs in zwei Hotels in abgeschrägten Zimmern mehrmals den Kopf angeschlagen habe, kann ich nur sagen:

Ich auch!


Eure Renate und Albert