„BERLIN! BERLIN! WIR FAHREN NACH BERLIN!“


23. - 26. Januar 2009


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)


2006 hat es der deutschen Elf trotz „Berlin, Berlin“ nicht in den WM-Final gereicht. Wir flogen (652) statt fuhren, waren aber (Albert) eine Woche zu früh in dieser absolut faszinierenden Stadt. Allzu gerne hätte er das Spiel Hertha BSC gegen Frankfurt vom 31. Januar verfolgt. Vor allem, weil die eingebildeten Berliner Sportjournalisten wegen den Verletzten im Team von Lucien Favre wieder genüsslich den Teufel an die Wand malen.

Wer Berlin in vier Tagen so intensiv erleben kann wie wir, versteht, wieso so viele Schweizer Künstler wie die Schriftsteller Zschokke und Hürlimann sowie der Opernsänger Hans-Peter Scheidegger ihre Zelte in dieser Stadt aufgeschlagen haben.

Die Offerte des Theaterclub Zürich war so gut, dass es eine Sünde gewesen wäre, sie auszuschlagen. Drei kulturelle Abende zur Wahl, in unserem Fall waren es die als beste Theater-Aufführung des Jahres 2008 gewählte „Kiss Me Kate“ von Cole Porter in der Komischen Oper, das Ballett „Schwanensee“ in der Staatsoper und die Premiere von Tschaikowskis „Pique Dame“. Anja Silja (69) als Gräfin drückt mit ihrer starken Bühnenpräsenz der etwas diskutablen Aufführung ihren Stempel auf. Wir hätten auch die „Zauberflöte“, „La Traviata“, „Carmen“ „Tosca“, „Nussknacker“ und „Salome“ wählen können. Berlin hat drei Opernhäuser, ein Luxus.

Am meisten beeindruckt hat uns, man höre und staune, das von uns selbst unter Verzicht auf die erste Hälfte des Balletts ins Programm genommene Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, das im Komplex des von Bert Brecht gegründeten „Berliner Ensemble“ am Schiffbaudamm aufgeführt wird. Die historische Stätte inspiriert offensichtlich die talentierten Schauspieler. Den Vogel schiesst jedoch der 76jährige Werner Riemann (676) ab, das Urgestein dieser Institution. Was dieser betagte Schauspieler in seiner mehrstündigen Führung bietet, ist absolute Sonderklasse. Dass er als Holländer ausgerechnet auch einmal einen SS-Offizier zu spielen hatte, viel Intimes über das Paar Brecht-Weibel zu berichten wusste, alte Fotos hervorklaubte und von Witz nur so sprühte, machte den Besuch zu einem unvergesslichen Erlebnis, das auch St. Galler Senioren zu neuen Auftritten motiviert.

„Swiss“ und Mövenpick, die für diese Gruppenreise sehr entgegenkommend waren, enttäuschten nicht. Die Basis für vier unvergessliche Tage war damit gelegt. Die Zimmer in der ehemaligen Siemens-Fabrik beim historischen „Anhalter Bahnhof“ sind geräumig, modern und romantisch zugleich. Das Restaurant liess keine Wünsche offen. Das traumhafte Frühstück liess uns all die guten Vorsätze vergessen. Am Sonntag glich der Saal einer „Speisung der Heisshungrigen“. Die vom Wochenend-Spezialpreis profitierenden meist älteren deutschen Touristen dürften sich bei Blutwurst, Rührei, Speck und Birchermüesli wie im Paradies gefühlt haben. Pikant die andere Gruppe: Besucher und Aussteller der an diesem Tag im gleichen Hotel stattfindenden „Hochzeitsmesse für Schwule und Lesben“. Sache gits...

Wer Berlin (684) auf eigene Faust erkunden will, kauft sich am besten die „Berlin Welcome Card“ für 72 Stunden zu 25 Euro, ein GA, mit dem man weit herumreisen und, wie oft unserem Fall, bei einem falschen Entscheid in der nächsten U- oder S-Bahnstation eilends in die Gegenrichtung wechseln kann. 25% Rabatt offeriert den Karteninhabern z.B. der „Marché“ auf Essen und Getränke. Gutscheine sind im Büchlein auch für das „Xantener Eck“ am Adenauerplatz enthalten, eine deftige Stärkung nach der Shopping-Wanderung am sich von der Gedächtniskirche (692) fast endlos dahin ziehenden Kurfürstendamm, dauernd unterbrochen vom Blick in die Schaufenster.

Nach dem Umzug von Bonn nach Berlin hat unter den Botschaften ein eigentlicher Architektur-Wettbewerb begonnen. Sieger sollen die Niederlande mit einer Art Glashaus geworden sein, das grün-rote Gebäude von Österreich sieht eher hässlich aus ganz im Gegensatz zur indischen Vertretung aus rotem Stein aus Rajasthan. Für am meisten Gesprächsstoff bei den Stadtführungen sorgt aber „unsere“ Schweiz. Das historische Gebäude (682), auf dem eine riesige Schweizerfahne weht, steht praktisch neben dem Reichstag. Ein Glücksfall, dass der von den Nazis nach der Machtübernahme angeordnete Umzug „von Bernern“ immer wieder hinausgezögert und dass das nach dem Krieg total isoliert stehende Gebäude nie verkauft wurde. Über den modernen Anbau von „Diener und Diener“ und die seinerzeitige Schimmelreit-Eskapade der blonden Gattin von Botschafter Borer scheiden sich die Geister.

Unsere Gruppe umfasste nicht weniger als 62 Personen, mit einem Fast-Doppelgänger von Blochers Bruder und einem Double des schrulligen „Major“ in „Fawlty Towers“. Da jedermann von den vielen Möglichkeiten des Tages- und Nacht-Programms intensiv profitierte, befand sich kaum je mehr als ein Dutzend Reisende am gleichen Ort, mit Ausnahme der mit einem Bus organisierten Stadtführung und dem Besuch des Reichstags (688). Tief beeindruckt waren wohl alle von den Zeichen der Vergangenheit, den Mauerresten, der Holocaust-Gedenkstätte (658) und den Kreuzen an der Spree (681), wo so viele Wagemutige beim Fluchtversuch erschossen wurden, der letzte (21) nur zehn Monate vor dem Mauerfall.

Wer die Gesichter der älteren Bewohner dieser Stadt aufmerksam betrachtet, denkt oft an die schlimmen DDR-Zeiten. Im ägyptischen Museum, das zur Zeit Werke von Giacometti mit den Pharaonen-Köpfen kombiniert, erinnerten verschiedene Aufseher an die Vergangenheit. „Tragen Sie Ihre Tasche in der Hand und nicht über der Schulter“ bellte einer Renate an. Entspannt dagegen die Stimmung in der „Brücke“ in Berlin-Zehlendorf, wo gegenwärtig die besten Werke von Kirchner aus aller Welt (natürlich auch aus Davos und Chur) gezeigt werden. Einige seiner Zeichnungen haben früher den Zensurbehörden wohl viel Kopfzerbrechen bereitet….

Die Berliner sind nette Leute. Wer aber auf eigene Faust durch die Stadt wandert und diese mit S- und U-Bahn durchquert, erhält kaum Auskunft, handelt es sich doch beim Gefragten meist um einen Touristen oder Türken. Die einzigen negativen Reaktionen gab es mehrmals bei den aggressiven Chauffeuren der Buslinien, Finanzminister Steinbrück lässt grüssen…. Versöhnt wurden wir jeweils wieder durch nette Angestellten beim Orgelkonzert im Gendarmenmarkt (664) und der Führung durch die Katakomben der Staatsoper (697), wo wir trotz leicht verspäteter Ankunft so rasch wie möglich noch schmunzelnd eingelassen wurden. Berlin hat Toleranz und Humor.


Eure Renate und Albert