Madeira - Die Blumeninsel

14. - 21. Juni 2009


(Die in diesem Bericht erwähnten Fotos sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.)

Hin- und Rückflug

Noch selten sind wir so stressfrei irgendwo hingereist: Geruhsam an einem Nachmittag mit dem Zug von St. Gallen nach Zürich und auf dem Rückweg nach der Landung um 17.30 Uhr in Kloten eine frühe Rückkehr ins traute Heim. Kein Weckruf zu unchristlicher Zeit, kein erschöpftes Zurückfahren gegen Mitternacht. SATA International arbeitet vorbildlich, wie auch Media Reisen, die regelmässig in der Migros-Zeitung inserieren. Ob die familieninterne Ernährungsberaterin bei der Fluglinie interveniert hat, dass mir ohne Nachfrage nur Kohlehydrate (Hörnlisalat als Entrée und Hörnligratin als Hauptgericht) serviert wurden, ist noch unklar. Ich kann ihr aber versichern, dass auch der gefährliche Wein nicht in Strömen floss, die 1.8 dl waren weder nach meinem noch nach Renates Geschmack und das lokale Insel-Bier Coral versöhnte mich kaum mit dem Menü. Aber man erwartet ja auf einem solchen Charter auch keine önologischen und kulinarischen Höhenflüge.


David

Der Ansporn zu dieser Reise kam von David, einem sympathischen Mitarbeiter des Pflegeheims St. Otmar, somit einem Kollegen, der (etwa 148 cm gross) aus der Hauptstadt von Madeira, Funchal, stammt und uns auf das Inserat aufmerksam machte. Ihr werdet es nicht glauben. Ich habe weder ihm noch all unsern jungen Gesprächspartnern auf der Insel den Namen Benaglio erwähnt; ich konnte es verklemmen. Ob unsere Ageeth sein Autogramm auf der Ansichtskarte wirklich für echt gehalten hat?


WC

Auch auf Madeira hatte ich wie oft ein kleines Problem. Meist einigermassen sauber zwar, oft aber mit wackliger Brille und zweimal, von mir sehr verhasst, gab es ein stilles Örtchen, nur für Stehende oder „Kauernde“ konstruiert. Sehr selten kann man übrigens das Kämmerlein abschliessen, weder bei den Männ- noch Weiblein. So ein Besuch ist eine richtige Freiübung. Mit einer Hand blockiert man die Tür, mit der andern erledigt man das andere. Was die damit bezwecken, ist mir nicht klar geworden. Da hat das berühmte Reid’s Hotel in Funchal bedeutend mehr Stil, doch davon später.


Wandern am Wasser

Von den vielen Schweizer Touristen in unserem Flugzeug waren, thank God, nur ganze vier im 3-Stern-Hotel Orca Praia mit grossartiger Aussicht (864) abgestiegen, etwa 6 km von der Hauptstadt entfernt. Wir hatten bereits in der Schweiz zwei Wanderungen gebucht, eine vierstündige mit nur 6 Personen den Wasserleitungen (767, 781) entlang (Suonen und Waale lassen grüssen) verlief trotz schwarzen Wolken ohne einen einzigen Regentropfen, die andere musste wegen einem starken Gewitter abgesagt werden. Wir waren nicht unglücklich darüber. Auf den Ersatz, problematisch für nicht Schwindelfreie, verzichteten wir beide solidarisch.

Das Huhn in der Schuhschachtel

Eine sympathische und unternehmungslustige Mitreisende aus Thun war für uns ein Glücksfall. Sie empfahl uns, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen. So erkundeten wir die Insel kreuz und quer mit dem öV. Es gibt neben den städtischen Bussen noch zwei weitere Unternehmen, die über ganz Madeira einen ausgezeichneten Service bieten, wenn es auch hie und da eine Verspätung gibt. Oft hatte der „Reiseleiter“ aber den Fahrplan falsch gelesen…

Wir haben wohl noch nie erlebt, dass ein PTT-Chauffeur über den Klausen- oder Flüelapass einen spontanen Fotohalt einschaltet. In Madeira passiert das sehr oft, und uns war das Wetter auf diesen Ausflügen trotz einem gelegentlichen Regenguss immer hold.

Solche Fahrten sind herrlich. Man sitzt zwischen einem Mann mit der typischen wollenen Zipfelmütze (868), der eine mit einer Schnur versehene Schuhschachtel sorgsam in der Hand hält. Der morgige Poulet-Sonntagsbraten darf aber atmen und seine Mitpassagiere durch zwei kleine in den Karton geschnittene Fensterlein begutachten. Das Dorforiginal auf dem vorderen Sitz unterhält mit seinen Sprüchen alle Mitpassagiere. Das herzhafte Lachen der Frauen zeigt aber deutlich, dass in der Gegend kaum ein Zahnarzt viel Umsatz macht.

Typisch für die Gegend sind die Dachfiguren aus Ton, welche das Haus vor Ungemach schützen oder Fruchtbarkeit bringen sollen (871, 873).


Tropfen

Am dritten Morgen hörten wir in der Hotel-Rezeption einen deutschen Herrn, der sich telefonisch bei seinem Reisebüro oder sogar beim Konsulat (!) über eine kleine Überschwemmung in seinem Zimmer beschwerte. Es tropfe von der Decke. Wir fanden das ganz amüsant, bis wir in der nächsten Nacht nach einem heftigen Gewitter ebenfalls durch den tropf-tropf-Ton aus dem Schlaf gerissen wurden. Nun, Renates Bett war nur begrenzt nass und wurde ohne Reklamation für die nächste (regenfreie) Nacht wieder frisch bezogen.

Richtig gute Tropfen hat aber auch Madeira zu bieten, natürlich zuerst den von den Briten erfundenen süssen Wein, dann einen eher schwachen Roten. Renate schätzte den Likör aus Kastanien von Curral das Freiras sehr, mir imponierte der oft spontan offerierte Aguardente. Der Poncha (lokaler Rum mit Honig, Orangen- und Zitronensaft) gefiel uns beiden. Davor hatten wir jeweils in einem kleinen Beizli gute Hausmannskost (in Wein mariniertes Wildschwein, traditionelle Bohnengerichte und vor allem den feinen Degenfisch) (760, 877) genossen, zur grossen Freude der Kellner und der sympathischen einfachen Köchinnen, die wohl kaum je ein Lob von einem Gast erhalten und daher sehr gerührt waren. Der scharfe Bacalhau genügte uns auf der Foto (881).


Fast 500 m keuchend bergauf

Der Abstieg vom Eira do Serrado (1'094 m) in den Talkessel von Curral das Freiras (auf etwa 600 m) wird als relativ gefährlich beschrieben, vor allem bei Nässe und mit ungenügendem Schuhwerk. Wir kehrten den Spiess um und wanderten den Hang problemlos hoch. Mein Sturz kam erst auf der abgesicherten Passage zum Panorama, was einen holländischen Grossvater-Kollegen zum Spruch veranlasste, einem Schweizer hätte er auf steinigem Grund mehr Fitness zugetraut. Er geriet dann wie wir fast in Ekstase beim Anblick eines „Recheboche“ (774) über dem Tal.

Ein sehenswertes Aquarium (830) wurde in Porto Moniz (810, 814) gebaut. Der wenig besiedelte Norden der Insel lohnt die fast vierstündige Busfahrt durch Täler, über Berge und durch rustikal gebliebene Dörfer. Auf der Hin- und Rückreise bewundert man das unglaubliche Panorama und schaut immer wieder von den Blumen der Berge ins tiefblaue Meer hinunter (839), "nur Fliegen ist schöner".

Auch die Stadt Funchal selbst liegt sensationell an Hang, die Strassen und Gässchen sind unglaublich steil. Autofahren ist hier eine grosse Kunst, und wir haben gestaunt, dass trotz den vielen erlebten Fastzusammenstössen kaum ein Wagen eine Beule hat.

Der Flughafen der Hauptstadt ist teilweise über dem Meer gebaut, einmal führt sogar eine Autobahn unter der Piste durch und dann auf gleicher Höhe. Leider war der Flugverkehr zu gering für eine Aufnahme.

Eine historische Altstadt, über die eine Schwebebahn (761) führt, ist ebenfalls ein Unikum. Und dann gibt es noch die berühmten Schlitten, mit denen sich Touristen für gutes Geld etwa 2 km im Eiltempo den Hang hinunter ziehen und stossen lassen (780). Ohne uns.

Umso interessierte uns der Botanische Garten, auch im Juni noch eine Perle. (789, 792, 793, 775, 821, 855).


Der selige Kaiser und "Schweiss, Blut und Tränen

Die Namen von zwei Persönlichkeiten ziehen in Madeira viele Touristen an. Romantisch und religiös den Habsburgern verbundene ÖsterreicherInnen besuchen in Monte ob Funchal das Grab des letzten österreichischen Kaisers Karl I. (1887-1922), der trotz starker Opposition 2004 selig gesprochen wurde. Der fromme Grossneffe des kinderlosen Kaiser Franz Joseph I. musste abdanken, 1918 seine Heimat verlassen und verlor sein gesamtes Familienvermögen. Er wurde auf einem britischen Kriegschiff nach Madeira gebracht, wo ihm das Leben in einer zerfallenden feuchten Villa den Todesstoss gab. Seine Gattin Zita hielt viel länger durch und starb mit 96 Jahren im Kloster Zizers im Bündnerland.

Von sehr robuster Gesundheit war auch Winston Churchill, der in beiden Weltkriegen eine führende Rolle gespielt hat. Natürlich pilgerten auch wir auf seinen Spuren. Im Nobelhotel Reid’s (859, 861) verzichteten wir zwar auf den teuren klassischen English Afternoon Tea, genehmigten uns aber auf der Terrasse ein gutes Glas Wein zu je zwölf Franken. Der nette Kellner hatte allerdings die Getränkeliste auf der Seite „Champagne“ aufgeschlagen. Die speziell für den Anlass frisierten Besucherinnen im langen Kleid werden rarer, aber ein gewisser Dress Code bleibt erhalten. Und wenn der zwar wie erlaubt ohne Krawatte erscheinende Apero-Gast noch schnell die Toilette besichtigen möchte, wird der „Sir“ von einem Kellner auf dem Weg von fast 200 m an der Bar vorbei zum „Hüsli“ begleitet. Man weiss ja nie, was der vorhat.

Churchill liess sich jeweils vom Reid’s in einem Rolls Royce zum nicht weit von unserem Hotel gelegenen romantischen Hafen von Camara de Lobos (878, 885, 880) führen, wo er seinem grossen Hobby, der Malerei, ungestört frönen konnte. Ein feines Fischrestaurant trägt heute seinen Namen, ein Besuch dort lohnt sich. Was hat wohl dieser Staatsmann nach den auch teilweise von ihm verursachten Schrecken in beiden Weltkriege nach seiner Abwahl als Premierminister in dieser friedlichen Bucht empfunden? War er dort vielleicht doch etwas enttäuscht und einsam?

Das zu Portugal gehörende Madeira hat einen Autonomie-Status, es ist eine interessante Insel im Atlantik, auf der man in kurzer Zeit von Null auf 1800 m steigt, eine reiche Geschichte (auch Kolumbus ist allgegenwärtig), Blumen in Hülle und Fülle, ein Paradies für Individualtouristen. Seiner sympathischen, eher zurückhaltenden Bevölkerung (889) sagen wir ein herzliches „Obrigado“ (Dankeschön).


Eure Renate und Albert